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Rezension: 100 Jahre 100 Bauwerke- John Hill- Prestel

Autor dieses Buches ist der Architekt John Hill. Er ist Chefredakteur des internationalen Online-Magazins World-Architects.com sowie Gründer und Chefredakteur des Blogs "A Daily Dose of Architecture". Dort veröffentlicht er täglich Artikel zu architektonischen Neuheiten und Buchbesprechungen. John Hill lebt in New York. 

Das vorliegende Buch begreift er als eine Art Experiment. Er stellt 100 Bauwerke der letzten 100 Jahre vor. Konkret handelt es sich stets um ein Gebäude pro Jahr von 1916 bis 2015.  Dieses Buch ist keine Architekturgeschichte der letzten 100 Jahre, wie der Autor betont, sondern eine Art Einführung in 100 Bauwerke, mit dem Ziel, die Leser dazu zu motivieren, diese zu besuchen und sich den Nuancen der einzelnen Projekte, den Details ihrer Gestaltung sowie den einzigartigen Aspekten jedes Entwurfs aufmerksam zu widmen. 

Bei den Betrachtungen geht es dem Autor um die Umstände ihrer Entstehung. Wichtig  zu wissen ist es, wie John Hill den Begriff Architektur definiert. Sie ist für ihn die Schaffung von Räumen für menschliche Betätigungen. 

Man erfährt Wissenswertes zu den Auswahlkriterien der Gebäude für diese Publikation und kann sich dann in die Bauwerke vertiefen. Sie sind natürlich alle abgebildet. Man erfährt stets, wer der Architekt ist und wo  sich das jeweilige Gebäude befindet. 

Fasziniert hat mich Erich Mendelsohns "Einsteinturm" in Potsdam gleich zu Beginn. Er entstand 1921, dient heute als Sonnenobservatorium und Ort für Sonderveranstaltungen im sogenannten "Wissenschaftspark Albert Einstein". Der Architekt versuchte mittels des Gebäudes, die der allgemeinen Relativitätstheorie zugrunde liegende Bewegung und Energie darzustellen. Nachdem der Turm 1921 fertiggestellt worden war, wurden drei Jahre später das Teleskop von Carl Zeiss und weitere Inneneinrichtungen installiert. 

Die im Buch vorgestellten Gebäude sind weltweit lokalisiert. Dabei befindet sich das 1918 fertiggestellte "Goetheanum"  des Anthroposophen Rudolf Steiner in Dornach in der Schweiz. Das architektonische Highlight des Baus ist die Treppenhalle im Westen. Es handelt sich dabei um einen komplexen, lichtdurchfluteten Raum mit großen von Steiner gestalteten Fenstern. Sehr beeindruckend.

Unmöglich ist es, all die Gebäude im Rahmen der Rezension benennen oder gar zu beschreiben. Begeistert bin ich von der "Casa Luis Barragán", gebaut 1948 in Mexiko Stadt durch den gleichnamigen Architekten. Im gesamten Innenraum ist Farbe von entscheidender Bedeutung. Alles ist auf Schönheit angelegt. Die Dachterrasse, die offenbar von Haus und Garten unterhalb abgeschnitten ist,  wird eins mit dem Himmel und auf diese Weise zum Ort der Kontemplation. 

Erwähnen möchte ich das 1998 entstandene "Kulturzentrum Tjiabou in Nouméa, Neukaledonien". Es wurde vom Renzo Piano Building Workshop errichtet. Piano arbeitete dabei mit einem Etnologen zusammen. Die Gebäude wirken wie Skulpturen. Man kann sich daran nicht sattsehen. 

Das Buch ist eine Fundgrube höchst interessanter Gebäude. Über diese mehr zu erfahren, ist spannend und bereitet viel Freude. Die Fotos bereichern all jene, die einen Sinn für Ästhetik haben. 

Sehr empfehlenswert 

Helga König

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Rezension: J `aime tant fort une- Das Stundenbuch des Königs Charles VIII- Ina Nettekoven- Hirmer

Die vorliegende reich bebilderte Studie, denn um eine solche handelt es sich, ist einem königlichen Buch gewidmet. Ina Nettekoven befasste sich 13 Jahre hindurch mit den Forschungen über das Stundenbuch Charles VIII. von Frankreich. 

Nettekoven berichtet zunächst über das Pariser Buchwesen um 1500, weil der vorliegende Band sich mit der Situation in Paris in der Zeit um 1500 befasst, als das dortige Buchgewerbe sich in einer Umbruchsphase befand. Fokussiert werden zwei Handschriften, von denen eine nachweisbar für den französischen König VIII. angefertigt wurde. Es handelt sich bei beiden Werken um Andachtsbücher, die allgemein in Frankreich und Flandern sehr verbreitet waren. 

Das Stundenbuch für den König wird mit dem Pariser Verleger und Buchhändler Anthoine Vérard in Verbindung gebracht. Im Vergleich zu anderen Stundenbüchern besitzt es ein herausragendes Merkmal. Dieses besteht darin, dass es fortlaufende Bildgeschichten um jede Textseite zeigt, die von Erläuterungen in französischer Sprache begleitet werden. 

Man erfährt Näheres über das wenig glückliche Leben Charles VIII, aber auch über seine Affinität zu Büchern. Dabei muss man wissen, dass er als Förderer der Künste und Literatur sehr früh schon und auch unbeirrbar seinen Weg verfolgte. Er besaß eine große Leidenschaft für schöne Bücher, deren Inhalte und deren Herstellung er hegte. 

Auch über den Verleger Anthoine Véraud wird man aufgeklärt, der seinem König das berühmte Stundenbuch schenkte. 

Ausführlich wird man über den Inhalt des Werks unterrichtet und kann sich in das Bildwerk vertiefen. Die Broschürenhistorien- das sind die fortlaufenden Bilderzählungen in den Bildrändern- werden textlich sehr gut begreifbar gemacht. Der Text der Bußpsalmen wird  übrigens beeindruckend von den Weissagungen der Sibyllen flankiert. 

Unmöglich ist es, all die Einzelheiten hier in der Rezension zu benennen, die in dieser Studie zum Stundenbuch zu Sprache kommen. Interessant ist es, soviel kann gesagt werden, die Gemeinsamkeiten der beiden eingangs erwähnten Manuskripte (Handschriften) kennenzulernen und dem wissenschaftlichen Anliegen Nettekovens  nachzuspüren.

Ein wunderbares Buch, das den Leser mit einem ganz berühmten Werk vertraut macht und uns verdeutlicht, wie viel Können und Zeitaufwand eine solche Kostbarkeit bedurfte. 

Empfehlenswert.

Helga König

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Rezension: Lesen –Steve McCurry

Das Vorwort zu dem bemerkenswerten Fotoband hat der amerikanische Reiseschriftsteller Paul Theroux verfasst. Der Fotograf und Fotojournalist Steve McCurry, der die Bilder für das Buch realisierte, wurde vielfach ausgezeichnet und schreibt eingangs, dass seine Fotos lesender Menschen eine persönliche Hommage an den legendären Fotografen André Kertéz seien, dessen Fotografien lesender Menschen zu dessen eindringlichsten Bildern zählten. 

Bevor man das mehrseitige Vorwort von Paul Theroux studieren kann, erhält man einen Einblick in eine berühmte Bibliothek in Rio de Janeiro. Ein junges Mädchen steht auf einer Leiter, die an eine Bücherwand angelehnt ist und liest ein Buch. Lesebegeisterte sind natürlich neugierig, um welches Buch es sich handelt. Wir werden es nicht erfahren. Ein Eindruck bleibt: Lesen ist ein Ausdruck von Neugierde. 

Theroux reflektiert in seinem Vorwort das Lesen, das für ihn eine ernste Angelegenheit ist, eine Zuflucht und Erleuchtung, eine Erfahrung, die zuweilen offen zutage tritt. Er hat sogar den Eindruck, dass vom lesenden Menschen etwas Strahlendes ausgeht. Theroux lässt den Leser nicht im Ungewissen, dass er selbst ein hochgebildeter Leser ist und verrät, dass er als Kind eine Vorliebe für Abenteuerbücher entwickelte. Er erwähnt den Wettstreit "Schulbücher" gegen "alle anderen Bücher", sprich die Pflichtlektüre gegen jene Werke, die Freude schenkten.

Zu Recht weist Theroux darauf hin, dass es sich um einen ein weit verbreiteten Irrtum handele, dass die Erfahrung mit Büchern aus einem Leser einen Schriftsteller mache. Theroux liest nur selten die neuesten oder die angesagtesten Bücher, weil er nicht abgelenkt werden möchte. In seinen Augen sind die Fotografien von Steve McCurry wunderbar. Diesem Urteil schließe ich mich nach dem ausgiebigen Studium des Bildbandes an. 

Die Fotos sind über mehrere Jahrzehnte hinweg in verschiedenen Ländern aufgenommen worden. Es ist wohl wahr, die Bilder dokumentieren die Selbstvergessenheit des Lesers und schenken den Eindruck purer Freude. Jedes Foto erzählt eine Geschichte. Das gilt für die beiden Mönche, die vor dem Tempel von Bakong in Kambodscha in Bücher vertieft sind, ebenso wie für die schöne, junge Frau, die in einer Bar in Kapstadt es vorzieht, einen Roman zu lesen, anstelle sich für ihr Umfeld zu interessieren. Es gilt auch für einen auf dem Boden sitzenden Händler in Kabul, der einer Frau, die eine Burka trägt, etwas vorliest, aus einem Gedichtband wie es scheint. 

Eine betagte Asiatin, liest selbstvergessen in Lourdes in einem Gebetbuch und ebenso selbstvergessen liest ein junger Mann in Chiang Mai in Thailand in einem Buch, von dem man annimmt, dass es voller Poesie ist. Der Gesichtsausdruck des Lesenden lässt diesen Schluss zu. 

Das Foto, das am meisten berührt, zeigt im Vordergrund einen jungen Mann mit Turban, der im Rollstuhl sitzt. Er hat die Beine verloren. Daneben steht ein lachendes Kind auf Krücken, das ebenfalls keine Beine mehr hat. Der junge Mann liest dem Kind etwas aus einem Buch vor, das offenbar witzige Karikaturen enthält und beide gehen gedanklich auf Reisen. Die Lektüre lässt sie den schlimmen Zustand, in dem sie sich befinden, für Momente vergessen. Ein Buch kann Balsam für die Seele sein.

Irgendwo in Äthiopien liest ein Mädchen in ihrem Schulheft. Der Raum, in dem sie sich befindet, ist in einem desolaten Zustand. Dieses Kind wurde von der Welt alleine gelassen. Seine Hoffnung ist die Bildung. 

Alle Fotos zeigen, der Lesende vergisst sich selbst, geht auf Reisen und kommt in der Welt des Geistes an, einer Welt, die Freiheit verspricht, wenn man sich keine Denkbarrieren aufbaut. Ein Lesender ist ein Suchender, der fast immer etwas findet.

Sehr empfehlenswert 

Helga König

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Rezension: Harald Wolff- Malerei und Zeichnung- Ausgewählte Arbeiten 1987-2013

Dieses reich bebilderte Werk enthält unzählige Abbildungen von Gemälden und Zeichnungen des Künstlers Harald Wolff. Der gebürtige Berliner studierte an der Hochschule der Künste Berlin, arbeitete anschließend künstlerisch in Florenz und danach in Haifa. 1978 wurde er Meisterschüler von Martin Engelman, bekam 1991 ein Arbeitsstipendium im Kulturzentrum Salzau und hielt sich im Jahre 2000 in Slowenien auf, um dort künstlerisch tätig zu sein. Von 2003- 2013 setzte er dann sein Schaffen in Cevezza in Italien fort. 

Auf den letzten Seiten des Buches kann man  sich einen Eindruck verschaffen, wo dieser Künstler bereits überall seine Werke ausgestellt hat, sei es im Rahmen von Einzelausstellungen oder Ausstellungsbeteiligungen. Die Liste der Ausstellungsorte beeindruckt.

Vor der Bilderschau hat man die Chance, zwei Essays zu Harald Wolff  zu lesen. Der erste Essay stammt von Wolfgang Zemter und trägt den Titel "Annährung an Bildfindungen". Den zweiten Essay hat Peter H. Schiller verfasst. Sein Titel lautet "Harald Wolff". Die Texte sind in deutscher, englischer und französischer Sprache abgedruckt. Hier erfährt man nicht zuletzt, dass Harald Wolff mittels seiner Bilder Geschichten erzählt und seine Szenen und Figuren Momentaufnahmen sind, die sich in Abläufen von Zeit und Raum bewegen. Im Kosmos dieses Künstlers dominiert die Gegenständlichkeit. Sie ist es, die alle anderen Elemente, derer sich der Künstler bedient, in gewisser Weise beherrscht. 

Farbe dienen Wolff als Emotionsträger. Dabei wird unser gesamter unbewusster Erfahrungsschatz abgerufen und aktiviert. Es sind Farbträume, denen man hier fasziniert gegenübersteht und auf die man sich gerne einlässt. Doch da ist noch weitaus mehr, was den Betrachter in den Bann zieht. 

Zunächst werden ausgewählte Arbeiten aus dem Bereich der Malerei gezeigt. Neben den wunderbar harmonisch anmutenden Farbkompositionen und den zumeist lebensbejahenden Motiven, ist es die Bewegung und Geschwindigkeit, welche den Bildern innewohnt und die so unglaublich begeistert. 

Es macht Freude sich diese Werke immer wieder anzusehen. Viele erscheinen wie intensive Huldigungen an das Kommunikative und die Bewegung. Man denkt spontan an den Götterboten Merkur und hat den Eindruck, dieser habe den Künstler subtil beeinflusst. 

Auch die wunderbaren Zeichnungen in der Folge sind voller rascher Bewegung und lassen den Eindruck entstehen, das alles, was man wahrnimmt, miteinander kommuniziert.  Das verleiht diesen Bildern Aktualität. Sie bilden den kommunikativen Zeitgeist ab. 

Wolff ist äußerst kreativ, erfindet seine Bilderwelten, die  seine reiche Fantasie dokumentieren,  stets aufs Neue und doch mit unverkennbarer Handschrift. Dabei kommt der ein oder andere Bildinhalt äußerst humorig daher. Man ist amüsiert und zugleich neugierig. 

Diese niveauvolle Kunstpräsentation macht niemals melancholisch, sondern stimmt nahezu immer vergnügt, fordert  uns als Betrachter intellektuell und fasziniert durch die Farben. Was kann man von einem Gemälde oder einer Zeichnung mehr erwarten?

Hier malt und zeichnet ein Mensch, der die Leichtigkeit des Seins im Herzen spürt und eindeutig frankophil ist. Seine Werke betrachten zu dürfen, vermittelt das Gefühl in einer Welt angekommen zu sein, wo man gerne verweilt und den Moment genießen möchte. Kraftvolle Farben verkünden intensives Leben und Lebendigkeit.

Ein gelungenes und dabei sehr schönes Buch. Ein Fest für die Augen.

Dieser Künstler lebt erkennbar im Einklang mit seinen Werken. Das fasziniert mich ganz besonders.

Sehr empfehlenswert

Helga König

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John Baldessari- The Städel Paintings- Städel- Hirmer

Dieses bildreiche Werk, dessen Texte in deutscher und englischer Sprache zu lesen sind, befasst sich mit neuen Werken des Künstlers John Baldessari. Er ist einer der wichtigsten Vertreter der amerikanischen Konzeptkunst. 

Mittels seiner Werke zeigt das Städel Museum lebende Kunstgeschichte. In den Bildern für die Ausstellung nutzte der Künstler Bilder des Museums und realisierte Bildcollagen, die unterschiedliche Gemälde des Hauses reflektieren. 

Meisterwerke wie das Paradiesgärtlein und solche von Lucas Cranach Agnolo Bronzino, Adam Elsheimer oder Maria Lassnig werden durch John Baldessari als visuelles Material aufgeladen und mit dialogischem Textmaterial in Beziehung gesetzt. So entsteht ein Gegen- und Miteinander, das alte wie neue Kunst gleichermaßen in ihrem kunsthistorischen aber auch institutionellen Kunstsystem befragt. 

Baldessari entwickelte als einer der bedeutendsten Vertreter der Konzept- und Medienkunst einen unverwechselbaren Bildbegriff zwischen Malerei und Fotografie, zwischen Text und Bild. Für seine Arbeiten verwendet Baldessari häufig "Found Footage", so etwa aus den Quellen der Massenmedien und lässt auf diese Weise konträre Motiv-und Inhaltswelten entstehen. 

Wie Max Hollein, der Direktor des Städel Museums festhält, sind die malerischen Bildbearbeitungen Baldessaris eine weitere Ebene des vielschichtigen Werkes. Dabei komponierte dieser Künstler durch sich verschränkende Materialien und Medien Bildräume, die eine neue komplexe Bedeutung kreieren. 

Martin Engler, der Herausgeber des Katalogs wartet mit einem Essay mit dem Titel "Von der Konzeptkunst und Metaphern Malerei nach dem Ende der Malerei" auf, der allein schon deshalb lesenswert ist, um die Werke des Künstlers besser zu verstehen. 

Hier erfährt man auch, dass Baldessaris Bilder dort interessant werden, wo sie den Zwischenraum – die kreative Leerstelle- zwischen Text und Bild, zwischen Malerei und Fotografie, zwischen Lesen und Sehen fokussieren. 

Für den Künstler ergibt sich dort Bedeutung, wo zwei Dinge zusammen kommen. 

Sich mit den Werken des Konzeptkünstlers zu befassen, ist nach meinem Dafürhalten mehr ein intellektuelles als ein ästhetisches Vergnügen, aber lohnenswert allemal. Hier wird Kunst zum kommunikativen Event.

Empfehlenswert 

Helga König

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Rezension: Arkadien oder Die Abstraktion hat noch nicht begonnen- Markus Lüpertz-Hirmer

.../ ist die Nachtigall vielleicht die letzte Poetin/singt sie doch wunderschön den Abend an-/ ..(175)

Autor dieses poetischen Werkes ist der Maler, Bildhauer und Poet Prof. Markus Lüpertz.

"Arkadien" präsentiert sich hier als ein monumentales, philosophisches Gedicht, das mit Werken des Künstlers illustriert ist.

Was versteht man unter dem Begriff "Arkadien"?

Vor einiger Zeit habe ich einen Bildband des Künstlers Gerhard Almbauer mit dem Titel "Arcadia" rezensiert. Dort erfährt man, dass Arcadia, zu deutsch Arkadien, uns zum Peleponnes nach Hellas zu unserer Wiege der Kultur führt. Der Ort war in der griechischen Geschichte bekannt als Ort der "Glückseligkeit", bzw. zumindest der gesellschaftlichen Freiheit.

Die Abbildungen einzelner Werke von Lüpertz in seinem Buch erinnern an Szenen aus dem fernen Arkadien und der poetische Text lässt uns eintauchen in eine Wortwelt, die uns den Ort der Glückseligkeit verwirrend nahe bringt und dabei irgendwie als Erinnerung in Frage stellt.

Lüpertz schreibt "Jede Wahrnehmung ist nur Erinnern/und Geschichte eines Gestern/oder Geschichten eines Gestern, die schon in der Absicht des Erzählens gewesen und illustrativ-/ erzählt wird das Passierte/ vorgeführt als illustrierte Erinnerung, /aber die Darstellung des Erinnerten ist nicht Kunst, /bestenfalls Berichterstattung/und damit Literatur und unkontrolliert wahr./Diese unkontrollierte Wahrheit aber/führt zu Brüchen und Provokationen,/die das Artistische brauchen/und das Originelle predigen." (39).

Dieser Dichter skizziert Arkadien  in seinem Poem als ein Land, "das auf Katzenpfoten durch die Welt geistert,/ sich durch Kriege windet/ und im Frieden Blumen sät-/ein Land, /in dem die Nacht hell klingt/ und man das Morsen der Sterne lesen kann,/ein Land/ in dem der Tag Schatten spendet,/ einen Schatten zum Verweilen,/ einen Schatten, den nicht das abgedeckte Licht gebiert, sondern ein Geschenk im Licht." (95)

Immer wieder bestaunt man Wortbilder wie "Du zogst eine Spur der Willkür in mein ordentliches Steingebet!/ Verwirrtest meine Schmetterlinge!/Erschrecktest meine Nachtigallen" und fühlt sich Seite um Seite mehr erinnert an Träume, die wir alle immerfort gemeinsam träumen, jeder auf seine Art, irgendwann, irgendwie, irgendwo, "….erinnert der Mensch sich seiner Welt/ist alles/ was wir wahrnehmen/ ein Erinnern.." (171)

Irgendwann dann… Eros, unschön "verklemmt sich das Glied/angesägt vom Reißverschluss/ an der eilig hoch gezogenen Hose", … auch das ist der hektische Mensch, jenseits von Arkadien, der den Turmbau von Babel zu verantworten hat als "spießigsten Versuch die Götter abzuschaffen." (201)

Dann liest man "Über das Freisein" und denkt, aha, der Philosoph von Arkadien! Wie spannend. Was er uns wohl mitzuteilen hat? 

Ein wichtiger Gedanken in diesem griechischen Freiheitspoem lautet: 

"Die nicht motivierte Freiheit schafft zum Beispiel den Respekt ab. Diese Freiheit kennt kein Wertgefühl". (222)

Dem Gedanken stimmt man sofort zu, besonders dann, wenn man Orte uneingebremster Willkür kennt.

Es folgen die  Freiheitslieder von Arkadien im Bewusstsein der Vergänglichkeit: 
"freilich singt die Sonne 
jeden Abend und versinkt 
in Freiheit." (235)

Dieses Werk ist ein poetisches Wortgemälde, das sich mit einem Sehnsuchtsort auseinandersetzt, der sich in den eingebundenen erotischen Zeichnungen widerspiegelt und eines vor allem möchte, den vergessenen Zuhörer packen und zwar dort, wo er  sich gerne verliert: im Erinnern.

Sehr empfehlenswert.

Helga König

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Rezension: Östlich der Sonne und westlich des Mondes- Märchen aus dem Norden, illustriert von Kay Nielsen- TASCHEN

Dieses Buch aus dem Verlag TASCHEN enthält 16 Märchen, gesammelt von Peter Christen Asbornsen und Jorgen Engebretsen Moe. Zu einer künstlerisch wertvollen Publikation wird das Werk aufgrund seiner Illustrationen des Gestalters, Künstlers und Erneuerers Kay Nielsen.

Noel Daniel schreibt im Vorwort viel Erhellendes über die Ursprünge der berühmten norwegischen Volksmärchen, bevor man in einem Essay von Kendra Daniel über Leben und Werk des Künstlers Kay Nielsen unterrichtet wird. Dieser begnadete Illustrator war in seinem Metier international überaus erfolgreich und fand in Dänemark, England und in USA große Anerkennung als Buchillustrator, Bühnenbildner, Wandmaler und Disney-Zeichner

Im vorliegenden Buch treten seine dänischen Wurzeln zu Tage, wobei er sich jeglicher Sentimentalität enthält. In dem 1914 erschienenen Buch "Östlich der Sonne und westlich des Mondes" findet man zahlreiche Referenzen versammelt, so u.a. die Einfachheit der japanischen Blockdrucks oder aber die opulenten Kostüme und Bühnenbilder, mit denen die Ballets Russe 1909 bei ihrem Paris-Debut überall in der Welt die Fantasien der Menschen beflügelten. Dabei ist die zeichnerische Eleganz des Künstlers stets unverkennbar.

In "Östlich der Sonne und westlich des Mondes" illustriert Kay Nielsen Märchen über Prinzen und Prinzessinnen, die wie der Inbegriff nordischer Kühle und Kargheit erscheinen. Obschon es bei seinen Illustrationen auch hässliche Kobolde und Trolle gibt, liegt sein Schwerpunkt auf langgliedrigen, anmutigen, schönen Edelleuten, die in ihrer Originalität sehr lebendig daherkommen.

Colin White schreibt in dem dann folgenden Essay über die Buchillustration als eigenständige Kunst und verdeutlicht, weshalb die Illustration von Geschenkbüchern beispielsweise dem literarischen Inhalt ebenbürtig wurde.

Der Inhalt der einzelnen Märchen ist jeweils zu Beginn eines jeden Märchens zusammen gefasst. Diese Maßnahme ist sehr lobenswert, denn der Bildbetrachter weiß noch bevor er sich in die fantasievollen Texte vertieft, welchen Inhalt die Illustrationen transportieren sollen.

Dieses Buch lädt zum Träumen ein, sowohl was die Texte als auch was die Bilder anbelangt. Dabei sind die Illustrationen von solch beeindruckender Ästhetik und Poesie, dass sie den Betrachter immer wieder staunen und fast vergessen lassen, dass hier Märchen darauf warten, gelesen oder vorgelesen zu werden.

Sehr empfehlenswert. 

Helga König

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Rezension: Havana- Bernhard Hartmann- teNeues

Die Bilder für dieses schöne Buch hat der Fotograf Bernhard Hartmann realisiert. Er wurde in Frankfurt geboren und arbeitete schon in jungen Jahren als Fotograf für eine große deutsche Zeitung. In seinem Jurastudium befasste sich der Autodidakt mit Landschafts- und Architekturfotografie. Seither wurden viele seiner Fotografien mit Preisen ausgezeichnet. 

Dieser Bildband ist der morbiden Hauptstadt Kubas gewidmet. Der Schriftsteller Alejo Carpentier skizzierte diese karibische Metropole einst wie folgt: "Havanna ist die Stadt des Unfertigen, des Mangelhaften, des Verwahrlosten." Dies soll sich seither nicht geändert haben, liest man zu Anfang des Buches und findet dieses Urteil in den Bildern bestätigt. 

Das bauliche Erbe sei hochgradig gefährdet. Allein im Zentrum befänden sich 3500 Häuser in einem ruinösen Zustand und zahlreiche andere seien bereits zerstört, wird man  in die Bilderwelt eingeführt. 

Bernhard Hartmann vermittelt in diesem Fotoband einen facettenreichen Eindruck von dieser morbiden Stadt, der man wünscht, dass sie endlich vollständig restauriert wird. Der Stadthistoriker Eusebio Leal hat dafür gekämpft, dass Gelder aus dem Tourismus in die Restaurierung der Altstadt geflossen sind, um auf diese Weise einigen architektonischen Perlen das Leben zu retten. Ein Tropfen auf den heißen Stein, mehr scheint dies nicht bewirkt zu haben.

In erster Linie, das dokumentieren die vorliegenden Bilder, präsentiert sich in Havanna erschreckender Niedergang, bröckelnder Putz, rissige Wände, ausgetretene Stufen und Wohnen in desolaten Räumen. Die Vergänglichkeit allen Seins übt zwar eine gewisse Faszination  auf den Betrachter aus, doch leben möchte man so nicht. 

Versöhnt ist man, wenn man renovierte Räume in dieser untergehenden Stadt bewundern kann, weil sie Hoffnung schenken und zeigen, was möglich ist. Natürlich fragt man sich, wer in "Casa Lucrecia"oder in "Casa Ronaldo" lebt und wer bestochen werden musste, damit diese Innenräume in neuem Glanz gestaltet werden konnten. 

Wunderschön ist die alte, restaurierte Apotheke, von deren Innenleben man einen sehr guten Eindruck erhält. Faszinierend aber auch sind majestätisch anmutende Treppenaufgänge, die eine vor langer Zeit schon untergegangene Welt erahnen lassen. 

Die Bilder, fotografische Meisterleistungen, regen die Fantasie an. Immer wieder versuchen die Augen das, was sie sehen, zu heilen, weil sie den schaurig schönen Tod alter Bausubstanz  nicht ertragen können. 

Empfehlenswert 

Helga König

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Rezension: Alegria Do Brasil- Fritz Steisslingers späte Brasilienbilder- belser

Herausgeber dieses Bildbandes ist Stefan Borchardt. Gemeinsam mit Frederica Steisslinger hat er das Vorwort zur vorliegenden Publikation verfasst. Damit man sich einen Eindruck verschaffen kann, wer der Künstler Fritz Steisslinger war, empfehle ist zunächst die Kurzbiografie zu Ende des Buches zu lesen. 

Der 1891 in Göppingen geborene Künstler studierte an der Kunstgewerbeschule in München, später an der Kunstakademie bei den Professoren Uhde und Stuck, anschließend an den Kunstakademien in Rom und Venedig. 1919 heiratete er die Deutsch-Brasilianerin Elisabeth Haasis. Drei Jahre hindurch arbeitete er als freischaffender Maler in Seeburg bei Urach und wurde Mitglied der Stuttgarter Sezession. Von1929-1931 lebt er in Berlin-Charlottenburg und hat Kontakte mit Max Liebermann, Alfred Flechtheim, Alfred Kerr und Julius Meyer-Graefe.1931 kehrt er nach Böblingen zurück und reist von da an immer wieder nach Brasilien. 1957 stirbt der Künstler in Tübingen. 

Die vorliegende Publikation enthält einige  aufschlussreiche Textbeiträge unterschiedlicher Autoren zum Künstler und dessen Werk. Hervorheben möchte ich den Essay "Begegnungen mit dem Unbekannten- Fritz Steisslingers Blick auf das Fremde." Hier liest man, dass der Maler im Gegensatz zu seinen Zeitgenossen im Fremden- in diesem Fall in Brasilien- einen Sehnsuchts- und Zufluchtsort sah. Die dort gesammelten Eindrücke eröffneten ihm eine geradezu unerschöpfliche Inspirationsquelle. 

Seine zweite Reise im Jahre 1947 führt dazu, dass er bei aller Befreiung des Pinselschwungs eine große Realitätsnähe schafft. Hierdurch transportiert er einen emotionalen Einblick in die brasilianische Lebensart.

Sich mit den Bildtafeln zu befassen, heißt einen Eindruck von der brasilianischen Landschaft, dem satten Grün dort zu gewinnen und die Ruhe zu erfühlen, die von den gemalten Orten ausgeht. 

Die Porträts von Brasilianern dokumentieren den freundlichen Zugangs des Künstlers zu dem Fremden, das sich ohne Scheu ihm öffnet. 

Wer mehr über den Künstler und dessen Werk erfahren möchte, findet in diesem Buch reichlich Gelegenheit dazu. 

Empfehlenswert 

Helga König

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Rezension: The Floating Piers- Christo an Jeanne- Claude- TASCHEN

Dieses reich bebilderte Buch aus dem Verlag TASCHEN zeigt wie das Projekt "The Floating Piers" entstanden ist und wie es im Ergebnis aussah. Es handelt sich dabei um das Projekt, das es ermöglichte, dass vom 18. Juni bis zum 3. Juli 2016 einhundert Kilometer östlich von Mailand und zweihundert Kilometer westlich von Venedig Tausende von Menschen auf dem Iseosee, vergnügt zu wandeln vermochten. 

Die Künstler Christo und Jeanne –Claude arbeiteten seit 1961 gemeinsam an zahlreichen, spektakulären Kunstprojekte. 2009 verstarb Jeanne Claude.  Christo ist allerdings noch immer aktiv.

Für die beiden Künstler wurden 70 000 Quadratmeter glitzernder gelber Stoff über ein modulares Schwimmdocksystem aus 220 000 hochverdichteten Polyethylenwürfeln gelegt, um auf diese Weise vorübergehend einen drei Kilometer langen Steg über die Oberfläche des Iseosees zu bilden. Dadurch wurde das Festland mit den Inseln Monte Isola und San Paolo verbunden. 

Die Stege waren 16 Meter breit und etwa 40 Zentimeter hoch. Dabei waren sie an den Seiten abgeschrägt. Von den umliegenden Bergen konnte man das Projekt aus der Vogelperspektive betrachten. 

Im Buch werden Christos Skizzen, Modelle, Dokumente und Entwürfe zusammengestellt, damit die vollständige Entstehungsgeschichte dieses vom Wasser getragenen Kunstwerkes dokumentiert werden kann. Indem sämtliche Details- von den Genehmigungsverfahren bis zur Stoffherstellung- einbezogen worden sind, wird nicht nur Christos einzigartige schöpferische Vorstellungskraft dargelegt, sondern auch der enorme technische, bürokratische und logistische Aufwand aufgezeigt, der diese Ideen zum Schwimmen brachte. 

Der Autor und Fotograf Wolfgang Volz arbeitet mit dem Künstlern Christo seit 1971 zusammen und ist der Exklusiv-Fotograf der Werke von Christo und Jeanne –Claude. Jonathan William Henery ist der Sohn von Jeanne-Claudes Schwester Joyce May Henery. Auch er hat ähnlich wie Wolfgang Volz an zahlreichen Publikationen mitgewirkt. Diese beiden Männer haben die vielen wunderbaren Fotos und Kommentare im Werk verfasst.

Es ist spannend, sich in diesem Buch mit dem unglaublichen Projekt zu befassen und zu begreifen, welcher Traum hier Wirklichkeit wurde. Die emotionale Bedeutung der Farbe Orange, die für den Stoff ausgewählt wurde, ist Geselligkeit und Freude. Gemeinsam über den See zu wandeln, kann genau diese Emotionen bewirken. Die symbolische Bedeutung dieser Farbe ist nicht zuletzt Harmonie und Heiterkeit. Auch dieses Empfinden wurde auf dem Kunstevent ausgelöst, wie die Bilder zeigen. 

Es macht Freude, das fröhliche Miteinander zu betrachten, auch wenn man dessen Endlichkeit mitdenkt, da man begreift, dass diese Freude jederzeit an allen Orten dieser Welt wieder gestaltbar ist.  

Alle staunenden  Betrachter des Projektes wissen nun für immer, dass ein gemeinsamer Weg möglich ist. Dies hat ein Künstler uns gezeigt und damit das Göttliche an der Kunst offenbart.

Empfehlenswert. 

Helga König

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